|
Die Legende vom Graal hat durch viele Jahrhunderte hindurch mannigfache Deutungen historischer, religiöser und literaturwissenschaftlicher Art erfahren, ein Beweis dafür, daß sie von jeher tiefere Schichten der menschlichen Seele angerührt hat. Das vorliegende Buch dürfte daher allgemeinem Interesse begegnen, da es die Legende vom Graal bis in all ihre Einzelzüge von der psychologischen Seite her beleuchtet und von dort verschiedene neue Gesichtspunkte zutage bringt. Die alchemistische Symbolik, deren Wert für die moderne Psychologie des Unbewußten vor allem durch C. G. Jung wieder entdeckt worden ist, ist dabei zur Deutung herangezogen worden, da sie ein psychologisch verwandtes Phänomen darstellt. Die Sagen, welche sich um ein mystisches Gefäß, das nach manchen Fassungen vom Blute Christi enthält, gruppieren, umkreisen nämlich in poetischer Form einen Inhalt, den auch die Alchemisten wissenschaftlich zu erfassen trachteten: nämlich die praktisch-empirische Annäherung an das Gotteserlebnis im eigenen innerseelischen Raum. Daß sich dadurch auch Berührungspunkte mit der Mystik ergeben, ist naheliegend, doch spiegeln die Graalslegenden individuelle Erlebnisse aus dem Kreise der Ritterschaft wider, in denen besonders das Problem des weltlichen und religiösen Eros im Minnedienst an zentraler Bedeutung gewann. In der Sicht der Tiefenpsychologie C. G. Jungs betrachtet, ist der Graal, ähnlich wie das mystische Gefäß der Alchemie, ein Symbol des Selbst, in welchem das weiblich-empfangende und das introvertierte Element stärker als im Christusbild der Theologen hervortritt. Das Interesse wendet sich der Seele und dem seelischen Erleben des einzelnen zu. In den Graalsromanen ist ein Stück moderner psychologischer Problematik symbolisch dargestellt, für welche die umgrenzten Anschauungen des Kollektivbewußtseins keine Lösung wußten. Auf das Problem der Anima (des weiblichen Seelenbildes im Manne), des Eros, aber auch auf die Frage nach dem Bösen, das wie eine geheime, ewig blutende Wunde die Seele des christlichen Menschen quält, wird die Antwort angedeutet, und dadurch kann dieser Traum des mittelalterlichen Menschen auch unserer Zeit zum Erlebnis werden.
|