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Der »ewige Jüngling« ist in unserer Zeit des kulturellen Wertewandels eine weitverbreitete Erscheinung. Romantisch-idealistisch, liebenswürdig und oft kreativ begabt, jedoch abgehoben von der Realität, scheut dieser Persönlichkeitstyp die Anforderungen und Bindungen des Erwachsenseins.
In ihrem endlich deutsch vorliegenden Hauptwerk beschreibt Marie-Louise von Franz das zugrunde liegende psychologische Problem. Der Archetypus des puer aeternus kann zur Quelle der Erneuerung, aber auch der tragischen Gefährdung werden. Anhand eindrucksvoller Beispiele aus Praxis und Literatur zeigt die Autorin: Der ewige Jüngling, ein im Mutterkomplex gefangener Sohn, wie auch die vatergebundene Tochter können die gefährlichen Puer-Aspekte überwinden, indem sie in einem tiefgehenden Reifungsprozeß erwachsen werden, ohne den kreativen Genius der Kindheit und Jungend preiszugeben.
Die Antike kannte ihn als einen Gott des Lebens, des Todes und der Auferstehung, und als mythologische Figur sind der »ewige Jüngling« und das »göttliche Kind« bis heute lebendig. C. G. Jung hat den puer aeternus als Bild des Selbst und des schöpferischen Genius beschrieben, als Symbol der religiösen Erneuerung, das immer dann besondere Bedeutung erlangt, wenn der traditionelle Geist einer Kultur zerfällt und nach neuen Werten, Lebensformen und Problemslösungen gesucht wird.
Es war Marie-Louise von Franz, die mit ihrem inzwischen weltweit bekannten Buch aus der Sicht der Jungschen Psychologie zuerst die Frage stellte, wie dieser Archetypus des ewigen Jünglings von einzelnen Menschen gelebt wird und wie er zur Quelle der Erneuerung oder aber zur Ursache eines frühen Todes werden kann. Den puer aeternus unserer Zeit beschreibt sie als einen Persönlichkeitstyp, der zu lange in der Adoleszenz verbleibt und vor allem duch Realitätsferne und die Unfähigkeit zum Erwachsenwerden gekennzeichnet ist.
Anhand einer ausführlichen Interpretation von Saint Exupérys »kleinem Prinzen« und unter Heranziehung von Beispielen aus der Praxis macht die Autorin im ersten Teil die beim puer aeternus immer vorhandene zu starke Mutterbindung deutlich (bei der Frau ist es der Vaterkomplex!), und sie zeigt, wie hier aus einem tragischen Anfang ein vorzeitiges Ende hervorging. Im zweiten Teil wird an einem praktischen Fall, in dem ein großer archetypischer Traum das ganze Problem spiegelt, aufgezeigt, warum sich der ewige Jüngling so schwer tut, durch die Beziehung zu einer Frau an die Erde gebunden zu werden. Der dritte Teil schließlich spiegelt anhand des Romans »Das Reich ohne Raum« von Bruno Goetz die deutsche Variante des puer aeternus, indem besonders das Generationenproblem sowie die Frage der politischen und religiösen Erneuerung beleuchtet wird.
Deutlich wird: Beim Mann wie bei der Frau bedarf es zur Überwindung des gefährlichen Aspekts des Puer aeternus-Problems eines tiefgreifenden Reifungsprozesses. Wird er durchgehalten, können wir das Erwachsensein annehmen, ohne den kreativen Genius als wertvolles Erbe unserer Kindheit und Jugend preiszugeben.
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